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Samstag, den 11. März 2006 um 10:13 Uhr

Ang Lees "Brokeback Mountain" bedroht den Western und die christliche Familie

Einander anschmachtende Cowboys in den idyllischen Bergen von Wyoming. Schafhirten in den frühen 60er Jahren verlieren Kopf und Herz und verlieben sich unsterblich, um sich wie in der Antike zu paaren. Dem Marlboro-Mann werden Knie und Lenden weich. Während Amerikas christliche Konservative vor Wut schäumen, ist der liberale Mainstream schlichtweg verzaubert. Schuf der erfolgsverwöhnte Regisseur Ang Lee (1954 in Taiwan geboren, seit 1975 in den USA lebend) ein weiteres außergewöhnliches Werk, das auch in der Oscar-Nacht am 5. März 2006 punkten wird? Oder wird die Homophobie siegen?

Die heterosexuelle Christenheit ist in Gefahr
Bereits im Vorfeld hat "Brokeback Mountain" heftige Kontroversen entfacht. Während die Filmwelt, von der professionellen Kritik über ein breiten internationales Publikum zwischen Gay-Zielgruppe und gehobenen Mainstream-Konsumenten, die die anspruchsvolle Machart des epischen Seelenmelodrams zu schätzen wissen, den Film auch in seiner schrägen erotischen Gewürzmischung loben, haben Stimmen aus dem konservativ christlichen Lager dem Film - übrigens recht treffsicher, denn die Frömmigkeit hat immer ein sicheres Gespür für den Frevel - eine kulturelle Desorientierung vorgeworfen, z.B. die "Concerned Women for America" oder der "Bible Belt", eine Bewegung, die George W. Bush bei seiner Wiederwahl massiv unterstützte.

Ang Lee - RegisseurDer Film, so die Kritik, verherrliche den Gay-Lifestyle und untergrabe damit christliche Werte und vor allem die vorbildliche Institution der heterosexuellen, zeugungsfähigen und von der Kirche abgesegneten monogamen Beziehung, sprich Ehe und Familie. Ang Lees neues Werk mache es dem normalen Filmzuschauer allzu leicht, sich mit den homosexuellen Helden zu identifizieren. Damit werde die Gleichwertigkeit einer schwulen Beziehung mit der heterosexuellen Verbindung ebenso behauptet wie dem perversen Trieb, dem Ehebruch und der Vernachlässigung der Familie Tür und Tor geöffnet. Kurzum, in Ang Lees gefühlsgeladenem Spektakel herrsche das alttestamentarische Sodom und Gomorrha. Der Verdacht dränge sich auf, dass der Film und seine Macher ein Instrument zur Zerstörung der "faith based familiy values", der aus dem Glauben an die Religion gestützten Hetero-Ehe-Familien-Werte lieferten.

Die katholischen US-Bischöfe der USA lehnten den Film ab und stuften ihn in die höchste Alarmstufe "moralisch anstößig" ein, weil der Film nicht nur von Unmoral handele, sondern in seinem ungezügelten romantisierenden Leichtsinn auch zu ihr verführe. In ländlichen Provinzen, die ja auch die Kulisse in "Brokeback Mountain" abgeben, weht denn genau der im Film beschriebene Geist: In Sandy, einem Vorort von SaltLakeCity (im Mormonenstaat Utah) nahm das Kino MegaPlex 17 Ang Lees Werk ausdrücklich, aber ohne nähere Begründung aus dem Programm, während ein Horrorstreifen und eine Dope-Comedy weiter liefen.

Der Kunstgriff Ang Lees: epische Normalisierung der Außenseiter

Ang Lees Kunstgriff besteht darin, die beiden männlichen Protagonisten als ganz "normale" und doch auch wieder "außergewöhnliche" Figuren über zwei Jahrzehnte zu entwickeln. So kann er sowohl die Normalität der Figuren wie ihren Ausnahmecharakter gleichermaßen als zwiespältig darstellen und beide Dimensionen als Formen kunstvoll ineinander spiegeln und zerlegen.

Aber was heißt hier schon normal? "Normal" in ihrer sexuellen Besonderheit und der sozialen Ausgrenzung, oder aber "normal" gerade in der Verdrängung des Andersseins und in der Anpassung an das, was sonst als weiße protestantische Heterosexualität des erfolgreichen und verheirateten Mittelklassemannes gilt? Und was mag hier als "außergewöhnlich" gelten: die Homosexualität als solche, die körperliche Begierde zwischen Männern, die die Rollen von Mann und Frau irgendwie unter sich neu definieren und aufteilen oder auch völlig durcheinander bringen? Oder ihre zärtliche, fast schon unmännliche Liebe, die das weibliche Geschlecht so anziehend und erquickend findet, um sich vom heterosexuellen Balz-Stress der Machos zu erholen? Oder sind es nicht gerade die Verhältnisse und ihre massiven Repressalien, die "außergewöhnlich" sind, die den Willen zum Glück in die Defensive drängen, um bloß nicht aufzufallen, um sich nicht als gay outen zu lassen, um den Repressalien einer homophoben Gesellschaft zu entgehen?

Ang Lee geht es um dieses durch und durch zwiespältige, romantische Ringen, aber auch gegen sich selbst repressive Kämpfen um das Glück einer verbotenen Liebe, die scheitern muss, solange ihr sehnsüchtiges Bekenntnis, die Liebeserklärung und das Liebesleben unter dem Tabu der Geheimhaltung, Verleugnung und Verdrängung leidet.

Radikal wird das Spiel um Ausnahme und Anpassung vor allem durch seine Verortung in der amerikanischen Provinz, die bis heute massive Vorurteile und tödliche Gewalt gegen jede Form von Abweichung, auch durch Homosexuelle, kennt, worüber die freizügigen Gaykulturen in den Schwulenhochburgen San Francisco, Los Angeles und New York nicht hinwegtäuschen können. Der Film macht Homosexualität zu einem existentiellen Dauerthema, da wo sie eigentlich als unerwünscht und lästig gilt, für die Homophoben und Homohasser sogar zu einer Art schleichende Epidemie in reinen, gesäuberten Gebieten - jenseits des Hollywood typischen kurzfristigen Show- und Bühnengags. Homosexualität wird zu einem Thema, das unerwartet und behutsam an einem untypischen Ort in den Vordergrund tritt, aber unbarmherzig als Doppelklammer wirkt: mal sanft, aber auch unbändig und direkt in der Idylle der Natur, verschwiegen und unterdrückt im Kontext der gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit. Dort erleidet die Sehnsucht der beiden Protagonisten immer wieder herbe Rückschläge angesichts der verbreiteten Homophobie, der brutalen Repressalien gegen bekennende Homosexuelle, aber auch angesichts der vorauseilenden, selbst verschuldeten Anpassung der Protagonisten, die sich unsichtbar machen, sich in ein bürgerliches Leben mit heterosexuellen Standardnormen eingliedern, das sie dann aus diversen Gründen doch nicht aushalten.

Mainstream-Werk statt schwuler Ausnahmefilm

Der entscheidende Punkt der filmischen Inszenierung: Keiner der Protagonisten wird als privilegierte Ausnahmefigur oder in (kulturellen) Ausnahmesituationen vorgeführt, wie in so vielen klassischen "Schwulen"-Filmen (falls diese blödsinnige "Gattungs"-Bezeichnung überhaupt einen Sinn macht und nicht selbst wiederum der Diskriminierung unterliegt (vgl. A Subjective List of Gay Films (1)).

Unter einem solchen "schwulen Ausnahmefilm" kann ein Werk verstanden werden, in dem Homosexualität in einer begrenzten Geschichte, sozial ausschnitthaft in Raum und Zeit affirmativ als Sonderfälle dargestellt und mit klischierten Ausnahmefiguren, Ausnahmesituationen und sozialen Reservaten erklärt wird, wenn sich etwa wilde Lover, verklemmte Bürgerliche, berechnende Gigolos, schräge Stricher, schrille Dragqueens, zitternde Künstler und begnadete oder wahnsinnige Genies im Kunst- und Nachtleben von Dichtung, Musik, Ballett und Kabarett, diesseits und jenseits der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit ein Stelldichein geben:

  • um entweder ein Mainstream-Publikum über das Klischee vom künstlerisch-komödiantischen Schwulen als amüsante Doppelrolle mit tragischem Unterton zu unterhalten (Paradigma: "Ein Käfig voller Narren", "Der Kuss der Spinnenfrau", aber auch "Wilde", da hier die Lebensgeschichte des berühmten Dichters Oscar Wilde mit dem dramaturgisch abgeschwächtem Gefängnisaufenthalt ein wenig zur Nummernrevue verkommt),
  • oder, um das schwierige Leben der Minderheit der Schwulen als Selbstbestätigung für die eigene Bezugsgruppe oder wie einen Zoo für die homophoben Normalos zwischen sentimentaler Betroffenheit und subversiv zotigem Provokationsfilm vorzuführen (wie in englischen und vor allem deutschen Filmen üblich, effektiv übrigens in Neil Jordans genial verrücktem "The Crying Game", in der stimmungsvollen Verfilmung der Verlaine-Rimbaud-Liebschaft "Total Eclipse" von Agnieszka Holland, in der ausgerechnet Leonardo di Caprio den skrupellosen Lustkobold und Ehesprenger Rimbaud macht, in Fassbinders tanssexuellen Melodramen, aber auch weniger artifiziell bei Frank Ripploh und Rosa von Praunheim),
  • oder, um verfassungspatriotisch für die Rechte der Homosexuellen einzutreten, wobei die Filme oft in Political Correctness ausarten, weil das Thema der Homosexualität zu einem reinen Gerichtsdrama (mit heterosexuell korrekten Stellvertretern) umgewandelt wird ("Philadelphia").
Den ganzen Text findest du hier bei Heise




 
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